Die Legionellen-Ausbrüche 2010 in Ulm, 2013 in Warstein, 2015 in Jülich und 2016 in Bremen haben es bestätigt: Die ca. 60.000 Rückkühlwerke aller möglichen Größen in Deutschland bergen das Risiko, Quelle von Legionellen-Infektionen zu sein. Obwohl Legionellose eine meldepflichtige Erkrankung ist, gibt es eine hohe Dunkelziffer von Erkrankungen, die nicht als Legionellosen diagnostiziert werden. Genaue Zahlen liegen daher nicht vor. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Anzahl der Erkrankungen auf etwa 6.000 bis 10.000 Fälle pro Jahr in Deutschland. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 5 bis 10 Prozent, sodass von jährlich zwischen 300 und 1.000 Toten durch Legionellen auszugehen ist. Ursachen für die Vermehrung der Bakterien in Rückkühlwerken sind Verunreinigungen des Kreislaufwassers, hohe Temperaturen und konstruktive Merkmale.

Mit einer Infektionsgefährdung durch Legionellen muss immer dort gerechnet werden, wo entsprechend belastetes Wasser in der Luft als Aerosole (Wassertröpfchen, Nebel) verteilt wird. Potenzielle Quellen sind vor allem Wasserversorgungsanlagen und Verdunstungskühlanlagen, aber auch Autowaschstraßen und Springbrunnen sind schon als Ausgangspunkte von Erkrankungen in Erscheinung getreten. Bei Ausbrüchen ist die Suche nach den Infektionsursachen von zentraler Bedeutung. Nur durch das schnelle Auffinden der Infektionsquelle und die sofortige Einleitung geeigneter Schutzmaßnahmen ist es möglich, weitere Erkrankungsfälle gezielt zu verhindern und so den Ausbruch zu stoppen. Das Problem: Die befallenen Anlagen sind im Fall eines Ausbruchs ohne Vorwissen über die Aufstellungsorte infrage kommender Anlagen kaum schnell aufzufinden.

Detlev Mülle | pixelio.de

Warum ist das Thema für den VDI wichtig?

Verdunstungskühlanlagen werden zur Kühlung bei vielen industriellen Prozessen benötigt – vom Rechenzentrum über den Lebensmittelbetrieb bis hin zur Energieerzeugung. Die Standorte dieser Anlagen sind den Behörden bislang unbekannt. Aus umweltmedizinischer Sicht ist es daher dringend notwendig, die potenziellen Gefahrenquellen in einem Kataster zu erfassen. Eine Registrierung solcher Anlagen würde Untersuchungen und Gegenmaßnahmen bei Legionellen- Ausbrüchen erheblich beschleunigen. Darüber hinaus sind aus präventivmedizinischer Sicht die Überwachung von Hygienemaßnahmen sowie bauliche und betriebliche Veränderungen durch geschultes Personal hilfreich.

Seit Jahren arbeiten die VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik (GBG) und die VDI / DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL) – Normenausschuss intensiv an der Einführung solcher Maßnahmen.

Wie engagiert sich der VDI?

Zur Auffindung der Quelle einer Epidemie ist es erforderlich, möglichst innerhalb weniger Stunden nach Erkennung, Proben bei allen potenziellen Infektionsherden zu nehmen. Vorrang hat jedoch die Eindämmung der Epidemie. Daher wird nach Bekanntwerden des Ausbruchs häufig eine Stoßbehandlung mit Bioziden durchgeführt, nach der eine Probenahme sinn los ist. Angesichts dieser Herausforderungen hat die Richtlinie VDI 2047 Blatt 2 „Rückkühlwerke; Sicherstellung des hygienegerechten Betriebs von Verdunstungskühl anlagen (VDI-Kühlturmregeln)“ die Grundlage für das technisch richtige Handeln hinsichtlich der Hygiene bei Verdunstungskühlanlagen bis 200 Megawatt gelegt. Die Richtlinie beschreibt nicht nur die Hygieneaspekte in Planung, Ausführung und Betrieb von Verdunstungskühlanlagen, sondern legt auch ein Konzept für eine Schulung der damit betrauten Personen vor. Die GBG hat zur Qualitäts sicherung ein Schulungspartnersystem initiiert.

Der Entwurf der Richtlinie VDI 2047 Blatt 3 für Kühltürme über 200 Megawatt erschien im Februar 2017. Der Gesetzgeber plant, auf Basis dieser Richtlinie die künftige 42. BImSchV (Bundes-Immissionsschutzverordnungen) zu erlassen, um Menschen vor Gefährdungen durch Legionellen zu schützen. Im Oktober 2016 hat der VDI dazu gemeinsam mit dem Bundeministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) sowie dem Umweltbundesamt ein Expertenforum mit dem Thema „Legionellen aus Verdunstungskühlanlagen – Aktuelle Entwicklungen“ veranstaltet.

Betreiber potenziell gefährdeter Anlagen müssen mit ordnungs- und strafrechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn sie ihre Anlage nicht nach den anerkannten Regeln der Technik geplant, errichtet, betrieben und instandhalten. Die Problematik ist auch Gegenstand einer Anzahl weiterer VDI-Richtlinien in der Gebäudetechnik, wie die Richtlinien der Reihe VDI 6022 (für raumlufttechnische Anlagen), die Richtlinie VDI / DVGW 6023 (Trinkwasser-Installationen) sowie in der Luftreinhaltung, zum Beispiel VDI 3679 Blatt 1 (Nassabscheider) und VDI 4250 Blatt 2 (Bioaerosole).

2017 wird mit VDI 4259 Blatt 1 „Ausbruchsmanagement Legionellen“ ein neues Richt linienprojekt zum Ausbruchsmanagement gestartet. Ziel ist es, einen Maßnahmenkatalog unter Berücksichtigung neu etablierter Analyseverfahren für den Ausbruchsfall zu erarbeiten, um relevante Infektionsquellen schnellstmöglich zu identifizieren und somit eine weitere Ausbreitung zu vermeiden.

www.vdi.de/2047

Thomas Ernsting | LAIF

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